Vorwort Michael Schmidt-Salomon

Die zarteste Verblödung, seit es Esoterik gibt

Es ist kaum möglich, Menschen mit rationalen Argumenten von Überzeugungen abzubringen, zu denen sie nicht durch rationale Argumente gefunden haben. Jeder, der schon einmal in die Verlegenheit gekommen ist, länger als drei Minuten mit einer „Geistheilerin“, einer „Aura-Chirurgin“, einem „Lichttherapeuten“ oder auch nur mit einem überzeugten Astrologen zu diskutieren, wird verstehen, wovon ich spreche. Das Zermürbende an solchen Gesprächen ist, dass die Anhänger der Esoterik eine geradezu perfekte Methode gefunden haben, um sich gegen Kritik zu immunisieren. Denn je rationaler die Argumente sind, die man gegen sie ins Felde führt, desto eher entlarvt man sich in ihren Augen als Repräsentant jener armen Menschen, die in ihrer

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Michael Schmidt-Salomon

Entwicklung beim „verkopften Denken“ stehengeblieben sind. Für Esoteriker deutet das Beharren auf logische Plausibilität auf einen beklagenswerten Dämmerzustand des Bewusstseins hin, den „spirituell Erwachte“ längst schon hinter sich gelassen haben.
Ich wusste also, was mich erwartete, als ich mich auf das Wagnis einließ, an einer Maischberger-Sendung zum Thema „Horoskope, Handlesen, Tarotkarten: Unsinn, der hilft?“ teilzunehmen. Die Gästeliste war entsprechend schrill besetzt: Neben mir saß Ex-Pfarrer und Ex-Moderator Jürgen Fliege, der nicht nur kräftig für esoterische

„Heilverfahren“ geworben, sondern den Esoterikmarkt mit eigenen kreativen Produkten wie der berühmten „Fliege-Essenz“ bereichert hatte. (Das kleine Zerstäuber-Fläschchen mit dem Wasser, das der Herr Pfarrer eigenhändig geweiht hatte, kostete 39,95 Euro pro Stück plus Versandkosten – was nach viel klingt, in Wirklichkeit jedoch ein sensationeller Preishammer war, wenn man bedenkt, dass die Essenz nach Flieges Worten „unserer Seele ordnende Informationen“ schenkt, „die unseren Geist und Körper immer wieder neu auferstehen lassen“).
Mit von der Partie war auch Mauretania Gregor, die nach Auskunft der Bild-Zeitung „Deutschlands beste Astrologin“ ist – nach welchen Kriterien man so etwas auch immer beurteilen mag. Das Eso-Quartett komplettierten der Schauspieler Uwe Ochsenknecht und seine persönliche Kartenlegerin Sylvie Kollin, die in einer gemeinsamen Kraftanstrengung bewiesen, dass man das Fremdschäm-Niveau vor laufender Kamera in ungeahnte Höhen schrauben kann. Rationale Argumente konnte ich in dieser Runde nur von dem Astronauten Ulrich Walter erwarten, der mit mir den wissenschaftlichen Standpunkt vertrat. Die ebenfalls eingeladene Hella von Sinnen, die fest an „Sternzeichen“ glaubt, aber weiß, dass es sich dabei um eine „Marotte“ handelt, agierte irgendwie zwischen den Fronten.

Konnte man unter solchen Voraussetzungen eine vernünftige Debatte erwarten? Natürlich nicht! Kein Wunder also, dass meine Argumente wirkungslos im Raum verpufften. Interessant waren allerdings die Gespräche, die wir nach der Sendung in der Hotelbar führten. Immerhin wurde ich dort in einige recht subtile „Geheimnisse des Lebens“ eingeweiht. So erklärte mir Jürgen Fliege zu vorgerückter Stunde, dass man die wesentlichen Charakterzüge eines Menschen an seinem Vornamen ablesen könne. Es ist kein Witz: Als er hörte, dass meine erste Frau Natascha hieß und meine jetzige Frau den Namen Elke trägt, reagierte er mit einem leisen, empathischen, von tiefem Mitleid zeugenden „Oh, das tut mir aber leid!“ – eine Geschichte, die zuhause für einige Erheiterung sorgte.
Zum damaligen Zeitpunkt war meine Streitschrift Keine Macht den Doofen gerade erschienen (was mich in den Augen der Redaktion wohl für die Sendung qualifiziert hatte). Da ich in dem Buch die bemerkenswerte Fähigkeit des Menschen beschrieben hatte, jeden noch so kruden Unsinn für bare Münze zu nehmen, schockte mich nicht, was meine Gesprächspartner zum Besten gaben. Ein Punkt jedoch irritierte mich nachhaltig: In früheren Zeiten hatten die Vorreiter des New Age über ein gewisses Charisma verfügt, das sie einsetzten, um Anhänger um sich zu scharen (man denke etwa an Bhagwan/Osho). Von Charisma war allerdings bei Mauretania Gregor oder bei Sylvie Kollin rein gar nichts zu spüren! Wie also war es zu erklären, dass sie mit ihrer unspektakulären Mixtur aus Banalität und Unsinn so viele Menschen erreichen konnten,  darunter nicht wenige Prominente aus dem Showgeschäft, ja sogar aus den vordersten Reihen der Politik?
Eine befriedigende Antwort auf diese Frage fand ich erst, als ich das vorliegende Buch von Johannes Fischler las. Denn es beschreibt präzise, worin sich die „Esoterik 2.0“ von ihren Vorgängerversionen unterscheidet. So wirkt besonderes Charisma im heutigen Eso-Geschäft störend, da sich die Vorreiter der Szene nicht mehr als Gurus präsentieren, sondern als „Gleiche unter Gleichen“, die gerade weil sie als „ganz gewöhnliche Menschen“ auftreten, kompetenter erscheinen, den „ganz gewöhnlichen Menschen“ zu „kosmischem Bewusstsein“ zu verhelfen: „Schaut her, ich habe es geschafft – warum nicht auch ihr?!“
Die neuen spirituellen Meister in der „World of Soulcraft“ behandeln ihre Anhänger nicht mehr als Untergebene, sondern als Mitarbeiter, die (nach oft kostenintensiven Schulungen) selbst zu Meistern ihres Fachs aufsteigen können. Die Gitterstäbe des neuen esoterischen Käfigs („New cAge“) sind dadurch im Verlauf der letzten Jahre immer durchsichtiger geworden, weshalb die meisten Insassen gar nicht mehr bemerken, dass sie Gefangene sind. Es ist die zarteste Verblödung, seit es Esoterik gibt.
Trotzdem sind die Risiken und Nebenwirkungen der esoterischen Medizin heute keineswegs geringer als in früheren Zeiten. Denn je weiter man die spirituelle Bewusstseinsleiter, den „Stairway to Heaven“, hinaufsteigt, desto dünner wird die intellektuelle Luft, desto dramatischer fallen die kognitiven Verzerrungen aus und desto unwahrscheinlicher wird es, dass man jemals wieder in der Lage sein wird, den „Boden der Tatsachen“ zu betreten.
Dazu trägt nicht zuletzt auch das Phänomen der kognitiven Dissonanz bei. Denn es ist klar: Wer bereits Tausende, Zehntausende oder gar Hunderttausende in seine Bewusstseinskarriere investiert und eine erkleckliche Sammlung an Jodeldiplomen bei den einschlägigen Instituten für Geistheilung, Channeling, Lichttherapie & Co. erworben hat, der kann sich kaum mehr eingestehen, dass dieser enorme zeitliche und finanzielle Aufwand vergeblich war. Statt sich schmerzlich bewusst zu machen, von Scharlatanen hinters Licht geführt worden zu sein, entwickelt man sich lieber selbst zu einem Scharlatan, der andere hinters Licht führt und somit zur weiteren Verbreitung der esoterischen Epidemie beiträgt.
Aus diesem Grund gilt nicht nur für den Faschismus, sondern auch für die Esoterik: Wehret den Anfängen! Das Buch von Johannes Fischler, das den Esoterikmarkt mit klarer, gewitzter Sprache analysiert und Milliardengeschäft brillant aufdeckt, liefert hierfür eine hervorragende Grundlage. Es bietet Aufklärung im besten Sinne, was gerade in der heutigen Zeit, in der es Mode geworden ist, auf „postfaktische Argumente“ und „alternative Fakten“ zurückzugreifen, dringend erforderlich ist. Ich kann mich daher meinem leider viel zu früh verstorbenen Freund Heinz Oberhummer, der das Vorwort zur vergriffenen Originalausgabe von New Cage schrieb, nur anschließen: Diesem verdienstvollen Buch ist in der Tat „jeder nur erdenkliche Erfolg“ zu wünschen!

Dr. Michael Schmidt-Salomon, Mai 2017
Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung

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